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  • Paul Auer

Von der Blendung

Aktualisiert: 12. Nov. 2021


Es gibt in diesen Zeiten nicht viele gute Nachrichten. Die Katastrophenmeldungen nehmen vielmehr überhand. Klimawandel, Corona, Corona, Klimawandel. Und dazwischen das ganz normale österreichische Polit-Business aus kleiner Korruption und großer Hybris, oder umgekehrt, je nachdem. Korruption im buchstäblichen Sinne von „Verdorbenheit“. Hybris um übertragenen Sinne von „Wie machen was wir wollen, weil die Leute sind eh so blöd, dass sie gar nicht merken, wie wir sie verarschen.“ Der neoliberale Ungeist auf österreichisch: sein Mantra sind „die wirtschaftliche Notwendigkeit“ und, noch schlimmer, „der Hausverstand“. Ihnen muss sich alles unterordnen. Einem älplerisches Trachtenpärchen, das mit verschlagenem Grinsen und fletschenden Zähnen jeden Diskurs abwürgt. Bei Bedarf werden Lederhose und Dirndl gegen Smoking und Ballkleid getauscht. Zuweilen gibt es nichts älplerisches als das Wiener Parkett. Stumpfsinn und Kleinkariertheit in Stadt und Land, camoufliert als Weitsicht und Verantwortung. Gleichbleibend sind immer die Totschlagargumente: Das ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit! Basta! Das sagt der Hausverstand! Gusch! Oder: Prost! Dass jedes Kaff einen Autobahnanschluss braucht; dass Investorenprojekte in Naturschutzgebieten Genehmigungen erhalten; dass Arbeitnehmer*innenrechte aufgeweicht und Beschäftigungslosendrangsalierung intensiviert werden. Undundund. Geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut. Ansonsten führt der Weg direkt zurück in die Steinzeit. Die Menschen werden hungern, darben, verelenden. Wir alle wissen, von welcher Geistesgröße der österreichischen Politik dieses Bonmot stammt.

Jene Geistesgröße ist mittlerweile von der Bildfläche verschwunden. Gestolpert über Verdorbenheit und Hybris. Nicht unbedingt über seine eigene, sondern über Verdorbenheit und Hybris derer, für die er gestanden ist, nein, von denen er hingestellt wurde. Wozu er sich vorzüglich eignete. Denn gerade die Abwesenheit des Eigenen haben ihn ja zu einem Parade-Populisten gemacht. Das Eigene, wenn man so will Eigenschaften, die sich aus Vision, Überzeugung, Ethik und Erfahrung speisen, fehlte ihm völlig. Er war Poster-Boy der Großindustrie, eine Projektionsfläche, ein Marketing-Tool. Der Pressesprecher eines Systems, das seine partikularen Interessen der breiten Öffentlichkeit als die ihren verkaufen muss, um erfolgreich zu sein. Ein blendender Scheinwerfer, der dafür sorgt, dass die Massen in demütige(nde)r Unterwürfigkeit die Straße frei machen für das Geilomobil, an dessen Steuer aber von Beginn an andere saßen. Leute, wie etwa die gegenwärtigen Präsidenten von Wirtschaftskammer und Nationalrat, sie wären als Verkäufer und Vermittler einer eiskalten Interessenspolitik nicht zu gebrauchen, die sich sinnbildlich nicht scheut, jene zu überrollen, die sich nicht blenden lassen. Zu deutlich ist es ihrer Gestik, Mimik und Rhetorik anzumerken, was ihr Eigenes ist, ihre Vision, ihre Überzeugung, ihre Ethik und Erfahrung. Nicht einmal in Österreich sind derartige Verschlagenheit, Kaltschnäuzigkeit und Menschenverachtung mehrheitsfähig. Solch offensichtliche Gier, solch offensichtlicher Machtmissbrauch. Deshalb braucht es in Österreichs Politik immer wieder den Blender. Einen, der den Leuten eine Politik zum Vorteil Weniger als Erlösung für Alle verkaufen kann. Hausverstand und wirtschaftliche Notwendigkeit. Mit um diese Begriffe gruppierte Floskeln hat man in einem kleinbürgerlich geprägten Land die Mehrheit hinter sich.

Die Neigung, sich bereitwillig blenden zu lassen, um unangenehme Tatsachen nicht sehen zu müssen; um sich mit der Wirklichkeit nicht befassen zu müssen; um der eigenen Unbedarftheit und Nichtigkeit nicht ins Angesicht blicken zu müssen; also insgesamt die Neigung, einem falschen Propheten auf den Leim zu gehen ist wahrscheinlich eine conditio humana universalis. Hingegen zu wissen, dass man geblendet wird, und dass man darüber hinaus bereitwillig geblendet wird, um sich mit Tatsachen, Wirklichkeit, eigener Unbedarftheit und Nichtigkeit nicht auseinandersetzen zu müssen, ist etwas sehr kleinbürgerliches und somit österreichisches. Der Blender und der Geblendete treffen hierzulande ein Agreement: Ich weiß, dass du mich blendest, und du weißt, dass ich das weiß, aber wir reden nicht darüber. Erst dann, wenn die Blendung aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr funktioniert. Dann gibt es die große Entrüstung. Die Enttäuschung. Dann fühlen sich die Blender ertappt und tauchen unter, und die Geblendeten geben sich missbraucht und betrogen, verstehen die Welt nicht mehr. Sie haben doch reinen Herzens an die Versprechungen geglaubt. Dann jammern sie und geifern sie und manchmal werden sie auch nahezu revolutionär und geloben Besserung. Nie wieder wollen sie sich blenden lassen, nie wieder werden sie einem Blender folgen.

Auf politischer Ebene folgen solchen Phasen der ernüchterten Blendung oftmals die Versuche, ein reifes und verantwortungsvolles politisches Handeln an den Tag zu legen. Der Österreicher wird für einen kurzen Moment erleuchtet und scheint tatsächlich aus der unerquicklichen Erfahrung mit dem Blender etwas gelernt zu haben. Scheint bereit zu sein, sich als Bürger, als citoyen im besten Sinne zu begreifen und die Verantwortung für die öffentliche Sache nicht mehr an populistische Demokratiegaukler abgeben zu wollen, sondern an Politiker, die keine großen Blender sind, sondern langweilige, spröde, nüchterne Handwerker; keine Showleute, sondern Arbeiter. Leider dauern solche erleuchteten Phasen in Österreichs Politik meist nicht lange, denn normale, verantwortungsvolle und gewissenhafte Politik ist mühsam und selten glamourös. Vor allem ist sie komplex und in ihrer Vermittlung sind Entscheidungen oft unbefriedigend. Früher oder später muss daher wieder eine Blendung her, ein Blender, einer, der kommt und sagt: Schluss mit dem Hin und Her, mit dem Sowohl-als-auch, es ist ganz einfach, und wenn es das nicht ist, lasse ich euch es nicht wissen. Lasst euch von mir blenden, und ihr habt ein ruhiges Leben, ich kümmere mich um den Rest! Meistens sagt er dann auch noch etwas vom „Ärmel hochkrempeln“ und „anpacken“ und, das folgt unweigerlich, dass jetzt endlich wieder Politik mit Hausverstand gemacht werden müsse, eine Politik, die die wirtschaftliche Notwendigkeit in den Vordergrund stellt. Weil geht es der Wirtschaft gut ...

Aber wo ist jetzt die gute Nachricht? Ist es eine gute Nachricht, dass der Posterboy der Großindustrie von seinem Sockel gestoßen worden ist, der jüngste in einer Reihe von Blendern, denen Österreich bereits verfallen ist, einen unfreiwilligen Abgang machen musste? Nein. Denn so erfreulich und wohltuend die Absenz des ehemaligen Kanzlers auch ist, so wichtig auch aus demokratiepolitischer Sicht, dass er die österreichische Politik nicht mehr belästigt durch sein blendendes Nichts - es kam leider nicht so weit, weil die Geblendeten sich ihrer Verblendung bewusst geworden sind und den Blender auf demokratischen Wege in die Wüste schickten. Ebenso wenig wurden Jörg Haider, Karl-Heinz Grasser oder Heinz-Christian Strache auf reifem Wege ihrer Blenderei überführt. Die Blender räumen sich immer selbst auf den Weg, landen im Straßengraben, vor Gericht oder in Ibiza. Erst wenn sie stürzen und jedermann erkennen muss, dass ihre Versprechungen nie ehrlich gemeint waren, dass sie ihre Anhänger zur Befriedigung ihres Narzissmus missbraucht haben, erst dann erkennen die Geblendeten das Unrecht und spucken den Gefallenen noch nach. Zu Recht natürlich. Aber das ist, ohne mit den Bespuckten Mitleid haben zu müssen, auch sehr billig Die vormals Geblendeten verachten den ehemaligen Blender ja nicht wegen seiner Hinterfotzigkeit und Unehrlichkeit, seiner miesen Manieren oder seine Dummheit, ja nicht einmal wegen seiner Inkompetenz; sie nehmen es ihm übel, dass er sie in ihrer Bedürftigkeit nach einem Erlöser entblößt hat. Es ist die Scham, die zur Aggression wird. Die sich nie zur Reflexion aufschwingen kann, nie zur Einsicht, dass es ein Fehler war und nun Signum der eigenen Unbedarftheit ist, geblendet worden zu sein. Es wäre zu schmerzhaft, zu erkennen, dass man übertölpelt wurde. Also muss sich die Wut gegen den der Blendung überführten Demagogen richten. Das hat ja keiner von uns wissen können, dass das so einer ist. Ein immer wiederkehrendes Schema in diesem Land, seit 1938.

Aber wäre es jetzt nicht endlich Zeit für die gute Nachricht!? Gibt es sie überhaupt? Ja, natürlich gibt es die gute Nachricht. Es gibt sie immer wieder. Muss ja so sein. Sonst wäre Österreich nicht lebenswert und das Dasein an sich unerträglich. Die Lebens- und Liebenswürdigkeit von hiesiger Land- und Gesellschaft hat in den letzten Jahren zwar stark nachgelassen, weil in Land- und Gesellschaft die Versiegelung von Boden und Geist durch das älplerische Trachtenpärchen mittlerweile unwiederbringliche Schäden verursachten. Aber! Irgendwas muss in Österreich auch funktionieren, und es muss wohl mehr sein als die Wasser- und Stromversorgung, der Bahnverkehr und das Mobilfunknetz. Und es funktioniert ja auch vieles, zumindest manches, das Hybris und Verdorbenheit, die hinter einem Blender stehen, etwas entgegensetzt, wenn sie es gar zu bunt treiben. Die Justiz, manche Medien. Und vor allem funktioniert immer wieder, wenn es hart auf hart kommt, die Zivilgesellschaft, manchmal sogar schon, bevor das Blender-System ins Wanken gerät und in sich zusammenbricht. Dann wird nicht das landesübliche „Kann man eh nix machen“, „Tun eh was sie wollen“, „Sind eh alle gleich“ geraunt, sondern Widerstand geleistet. Dann wird etwa der Verkauf eines öffentlichen Seezugangs durch eine Kärntner Gemeinde an ein Hotel verhindert. Vorläufig zumindest, denn solche Erfolge, die sich gegen den vermeintlichen Hausverstand und die wirtschaftliche Notwendigkeit richten, die nichts erreichen außer den Erhalt eines Stücks öffentlichen Raums und somit der Lebensqualität für die Allgemeinheit, die weder Arbeitsplätze versprechen, noch Kommunalsteuereinnahmen, denen keine Schmiergeldzahlung vorausgegangen ist, und die der Bauwirtschaft keine Aufträge in Aussicht stellen, solche Erfolge sind im Terrorregime des älplerischen Trachtenpärchens immer nur vorläufige. Aber davon und im Konkreten von meinem Ursprungsort Millstatt, von Immobilienspekulanten und der Willfährigkeit österreichischer Gemeindepolitik, vom Kampf um die Logenplätze an einem Kärntner See und natürlich auch, weil die immer mit dabei sind, vom Hausverstand und der wirtschaftlichen Notwendigkeit, gibt es im kommenden Beitrag mehr.

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