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  • Paul Auer

Vom Größenwahn

Eigentlich wollte ich in diesem Blogbeitrag über meinen Ursprungsort schreiben. Über Spekulanten und architektonische Zumutungen. Aber auch über den schönen Erfolg, den eine Bürgerinitiative gegen die Begehrlichkeit der Betreiber:innen eines Hotels feiern konnte, denen die Gemeinde einen öffentlich zugänglichen Seegrund zuschanzen wollte. Das kommt, das kommt gewiss, dann, wenn es mich wieder aufwühlt, Leidenschaft entfacht, denn diese ist die Grundvoraussetzung von allem Schreiben. Aber was ist die Grundlage der Leidenschaft? ..

In dem längeren Text, an dem ich derzeit arbeite, geht es nicht nur um Katzen und Luxusimmobilien, zwei meiner Lieblingsmotive. Sondern ebenso um die altbackene, abgelutschte nach dem Sinn des Schreiben angesichts der verrinnenden Lebenszeit und dem Sinn des Lebens angesichts der verrinnenden Schreibzeit: Kurzum: Leben, was ist das, und Schreiben - wozu? Was ist ein verbummeltes Leben, ein verträumtes Leben, ein misslungenes Leben, ein gelungenes Leben, ein glückliches Leben, ein missratenes Leben? Und wie viel Leben muss im Schreiben, wie viel Schreiben muss im Leben sein? Muss überhaupt das eine im anderen sein? Was bedeutet Leben über das biologische Zeug (fressen, schlafen, sich fortpflanzen) hinausgehend? Wovon reden die Leute, wenn sie meinen, oder was meinen sie, wenn sie so reden: „Der hat gelebt!“, „Das ist das Leben!“ Von Jemandem, der sein ganzes Leben an einem Schreibtisch sitzend verbracht hat, um Texte, Geschichten, Bücher zu schreiben, die niemand braucht, weil es eh schon genug Leute gibt, die genau das machen, nämlich Prosa verfassen, schreiben, sich auch noch einbilden, sie müssten das veröffentlichen, veröffentlichen lassen, also von jemandem, der die Nettozeit seines Lebens, jener die bleibt, nachdem man geschlafen, sich gewaschen, gegessen, getrunken hat, einkaufen war, noch ein bisschen spazieren, hauptsächlich schreibend oder über das Schreiben nachdenkend an seinem Schreibtisch verbracht hat ... über den, seien wir uns ehrlich, werden die wenigsten Menschen sagen: „Der hat gelebt!“, „Das war ein Leben!“ Ich auch nicht. Vielmehr würde ich dieses schöne Urteil über seinen Zwillingsbruder fällen, der etwa in all den Jahrzehnten um die Welt gejettet ist, Donald-Duck-mäßige Abenteuer erlebt hat, Unmengen an sinnlichen Eindrücken gesammelt, unzählige interessante Menschen getroffen, in unaufhörlicher Bewegung seinen Körper als Stift und die Welt als Papier verwendet hat, und dessen Text, sein Werk gewissermaßen, die Erfahrung ist. Darüber schreiben kann er ja später immer noch, siehe Casanova - und hat der nicht alles richtig gemacht? Wenn es also keine ökonomische Notwendigkeit gibt - die für eine künstlerische Tätigkeit ohnedies keine ernstzunehmende Motivation sein kann - warum nicht einfach „das Leben genießen“? Es sich einfach machen? Reisen, völlern, lieben. Wozu bilden Leute wie ich sich ein, sie müssten literarisch schreiben, und haben dann auch noch den Anspruch, andere mögen es lesen. Was bringt es? Worin besteht die Motivation? Was erzeugt die Leidenschaft?

„Ich glaube, was ich schreibe ist wichtig“, sagte vor nicht allzu langer Zeit ein schreibender Freund zu mir. Ein schöner Anspruch, eine bewundernswerte Überzeugung, aber teile ich sie, maße ich sie mir an? Literarisch ist alles über das Wesen des Menschen gesagt, seit Jahrtausenden bereits. Und Weltverbesserungsliteratur, auch eine Möglichkeit, ist nicht unbedingt mein Drive. Man muss Leser:innen nicht moralisch belehren. Ebenso wenig braucht es Prosa, um etwas über eine historische Persönlichkeit oder zeitgenössische Technologieprobleme zu erfahren, es gibt bekanntermaßen die tolle Erfindung des Sachbuchs. Man muss Leser:innen also auch nicht bilden, eine Erörterung aufs Auge drücken. Literatur ist anderswo, nicht in der Klugscheißerei, sondern dort, wo nicht erklärt, geklärt, nicht einmal aufgeklärt wird, sondern, so platt das klingen mag, Fragen aufkommen, die die eigene Phantasie anstacheln, die dazu animieren, weiter und über den Text hinaus zu denken; und das ist auch, wenn es ihn definitorisch gibt, mein Anspruch, nämlich den Leser:innen ein Gebäude zu errichten, in dem sie sich frei bewegen können, nicht eine Geschichte von A nach B zu erzählen, sondern einen Text zu schreiben, der viele Geschichten zwischen Z und A ermöglicht - aber sind etwa solche Texte deshalb wichtig? Ausgerechnet der eines x-beliebigen Autors? Meiner? Für wen? Es wird so viel geschrieben, die Funktion, die mein Text eventuell in einem Leser erfüllen könnte, wird ziemlich sicher ein anderer Text bewirken. Also nein, wichtig für andere, für die Welt, ist gar kein Text, egal, welchen Anspruch er hat. Im Grunde genommen ist doch wenig wichtig, seinen Liebsten zu umarmen etwa, oder seine Großmutter regelmäßig anzurufen. Aber ein Text? Was verändert er wirklich nachhaltig in der Leserin, verändert er wenigstens etwas im Autor? Höchstens die Körperhaltung. Und weshalb mutet sich dennoch nach wie vor eine gar nicht geringe Anzahl an Menschen die mühevolle Arbeit an einem Text zu, die Angst vor dem Versagen, das unvermeidliche Zurückfallen hinter die eigenen Ansprüche, das unbequeme Sitzen an einem Schreibtisch, die stunden-, tage-, wochen-, monatelange Einsamkeit, obwohl man es doch gar nicht tun müsste? Denn entgegen heutigen Autor:innenvorstellungen als coole öffentlichkeitsgeile Kulturarbeiter:innen: Schreiben ist ein über lange Strecken einsames Business, muss es sein, und ja, am besten findet es in einer Dachkammer statt - wo denn sonst? Warum also diese Mühsal? Weil es sie, die Autor:innen, so drängt? Ihnen ihr Genie keine andere Wahl lässt? Quatsch! Das ist reinster Kitsch. Niemand ist dem Schreiben um des Schreibens willen ausgeliefert. Zu schreiben ist per se nichts Existenzielles. Ich misstraue jenen, die sagen, sie könnten nicht leben ohne zu schreiben, weil sie solch unbändige Lust am Fabulieren verspüren, sie an die Magie der Worte glauben, einfach gerne Geschichten erzählen und sich nur schreibend in der Welt ermöglichen können; weil es sie „so drängt“. Dass sie das so empfinden, nehme ich ihnen schon ab, aber die schöngeistigen Motive dahinter bezweifle ich. Das ist wie mit jeder Droge, etwa dem Kiffen. Leute sagen ja auch, sie könnten nicht leben ohne zu kiffen, aber sie begründen das selten mit der simplen Wirkung des THC, was es mit dem Gehirn macht, was die Grundlage der Sucht ist. Sondern plappern etwas von ... na, das Geschwurbel ersparen wir uns jetzt. Wesentlich ist: Natürlich könnten Leute leben ohne zu kiffen und natürlich könnten Leute leben, ohne literarisch zu schreiben. Bloß haben sie sich dafür entschieden, es nicht zu tun. Wenn ich behaupte, ohne das Schreiben könnte ich nicht leben, so ist das ebenso wahr wie es falsch ist. Wahr ist es, weil ich mein Leben aufs Schreiben ausgerichtet habe. Es „gibt mir was“. Falsch ist es, weil ich meinen Kompass ja jederzeit neu adjustieren könnte. Ich könnte, würde ich mich dazu entscheiden, ohne das Schreiben leben. Wahrscheinlich sogar angenehmer. Jede Störung im Menschen ist behebbar. Es müsste nur dieselbe Belohnung winken. Jene spezielle Belohnung, die das Schreiben gewährt. Zugegeben, hierfür Ersatz zu finden, wäre gar nicht so leicht. Denn es gibt zwar natürlich einfachere Methoden als das Schreiben, das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen, danach, gesehen zu werden, sich zumindest kurzfristig der Urangst zu entledigen, zu verschwinden, verschwunden zu sein, unsichtbar geworden, vielleicht seit der Geburt bereits unsichtbar zu sein; auch den diffusen Mangel, an dem gewiss viele Künstler:innen leiden, der dazu nötigt, sich expansiv und zumindest versuchsweise in die Welt auszuweiten, um Ruhm, Ehre und Liebespartner:innen zu erhaschen, anstatt sich mit den ohnedies gebotenen gar nicht so geringen Freuden des normalen menschlichen Daseins zufrieden zu geben, kann man anders als durchs Schreiben beheben. Mittels einer Therapie etwa. Oder als Popstar. Aber es geht um mehr; dem Autor geht es um mehr; nicht bloß um den Wunsch danach, die Überzeugung, den Wunsch nach der überzeugenden Überzeugung, besonders zu sein, etwas Besonderes zu erschaffen, denn den teilen schließlich viele Menschen und alle Künstler:innen. Sondern darum, ein schöpferischer Herrscher zu sein, gottgleich, ein Demiurg, der mit den Bedürfnissen, Sehnsüchten und Abgründen von Menschen spielen kann, der sie entblößen und verhüllen kann, der sie zu größter Grausamkeit und schönster Mildtätigkeit führen kann; insgesamt darum, eine eigene Welt zu kreieren, in der gelebt, geliebt, gehasst, gelitten und genossen wird, und dass man selbst der ist, der die Bedingungen dieses Treibens festlegt und, wenn man es geschickt anstellt, auch jederzeit ändern kann. Denn dieses Privileg genießt allein der Autor. Nicht der Maler, nicht die Musikerin, nicht der Bildhauer, sondern allein der, der diese Welt mittels Sprache erschafft, weil die Sprache nun mal das allumfassendste Mittel zur Weltaneignung und Weltdarstellung ist, weil nur mittels Sprache eine Welt erschaffen werden kann, die das Zeug hat, in Konkurrenz zur Wirklichkeit zu treten, ja selbst Wirklichkeit zu werden. Wegen dieses Privilegs schreibt man. Das ist der Antrieb. Gottgleich zu sein. Und dabei spielt wohl weniger das Ergebnis eine Rolle, also etwas Besonderes erschaffen zu haben, ein Werk, das bloß Abfallprodukt ist, als vielmehr der Prozess, der Akt an sich, das Vergnügen zu erschaffen ... Der Größenwahn eben, aber der spezielle Größenwahn des Autors, der zwar wie jeder andere Größenwahn auch Ausdruck einer Sehnsucht ist, die Welt, die im Innen und Außen als mangelhaft erlebt wird, nach je eigenem Gutdünken zu gestalten, zu verbessern, zu beherrschen. Doch die Schwere des empfundenen Mangels und die daraus abgeleiteten Konsequenzen sind zwischen dem normal Größenwahnsinnigen (Schöpfenden) und dem größenwahnsinnigen (schöpfenden) Autor höchst unterschiedlich. Dem einen genügt es zur zumindest zeitweiligen Behebung des Mangels, zur Intervention in der Welt, ein Bild an die Wand zu hängen; der andere muss das Haus abreißen und neu errichten. Der eine stellt einen Blumenstock aufs Fensterbrett. Der andere legt ganze Gartenanlagen auf unterschiedlichen Kontinenten an. Was den Autor als Schöpfer also vom normal größenwahnsinnigen Schöpfer unterscheidet, ist der Wunsch, gottgleich zu sein, Demiurg, einer, dem es nicht bloß darum geht, ein Werk in der Welt zu erschaffen, das bestaunt und bewundert wird, sondern dem es um die Lust am Erschaffen einer ganzen Welt als Werk an sich geht. Und das ist der Punkt: Der Umgang mit jenem zuvor erwähnten Mangel, der sich als Sehnsucht geriert, in Wahrheit aber zu demiurgenhaftem Größenwahn führt, seine Konsequenzen ... welches Leben ich lebe, welche Methode ich wähle, um meinen demiurgenhaften Größenwahn zu sublimieren, diese Entscheidung ist, Glück hin, Schicksal her, offen und bleibt auch immer revidierbar. Daher meine ich, dass es nicht stimmt, niemals, zu sagen, man könnte ohne das Schreiben nicht leben, wie es auch nicht stimmt, niemals, dass man ohne Kiffen nicht leben könnte. Es kommt auf die Möglichkeiten an, die Alternativen. Der Literat ist nicht selten ein verhinderter Diktator; oder CEO eines Konzernriesen; oder, klar, ein Gott; und ebenso umgekehrt. Er will nicht bloß etwas ganz nach seiner Vorstellung erschaffen, sondern alles. Er ist verrückt demiurgenhaft größenwahnsinnig, aber während dieses Urteil zwar einen Diktator oder CEO oder Gott wenig rühren wird, und auch ein Architekt, eine Musikerin, ein Maler, eine bildende oder performative Künstlerin die Fremdzuschreibung „größenwahnsinnig“ ganz gut nehmen kann, tut sich der größenwahnsinnigste von allen, der Autor, damit am schwersten. Er muss seine vermeintliche schöngeistige Motivation am stärksten betonen. Er verbrämt seinen verrückten demiurgenhaften Größenwahn als schöpferische Begabung, als kreativen Drang, als missionarischen, humanistischen Auftrag. Dabei hat er nur Glück, dass es, man glaubt es kaum, leichter ist, etwa einen Verlag zu finden als einen Staat, den man sich untertan machen, oder einen Konzern, den und mit dem man beherrschen und herrschen kann. Sogar weniger mühsam. Es ist daher eine Folge zufälliger biografischer Umstände und der darauf fußenden Entscheidung gegen grundsätzlich vorhandene Möglichkeiten, dass der größte Romancier des 19. Jahrhunderts nicht beispielsweise Bonaparte hieß und der größte Feldherr des 20. Jahrhunderts nicht beispielsweise Handke. Und wer weiß, vielleicht setzt sich Elon Musk irgendwann hin und schreibt die ultimative Great American Novel. Die psychopathologische Voraussetzung dafür hätte er gewiss.

Also. Befreit von sämtlichem Idealismus- und Geniekult-Kitsch. Bereinigt von Floskeln über die Liebe zum Fabulieren und die Magie der Sprache; über die intellektuelle Lust am Konstruieren von raffinierten Plots und schlauen Sätzen. Das ist schon alles wesentliches Beiwerk und mag auch ein bisschen kitzeln, aber der Thrill an sich, die Urquelle der Leidenschaft eines Schriftstellers ist und bleibt die Lust an und die Sucht nach dem Erschaffen und Beherrschen. Es geht um demiurgenhaften Größenwahn. Es geht, klar, um Narzissmus. Und das ist auch gut so, denn sonst würde es ja all die wunderbaren Romane der Menschheit nicht geben, die ja für viele Bedeutungen hatten und haben, ohne deswegen „wichtig“ an sich zu sein, für die Welt gar. Wichtig sind und waren sie bloß für den Autor, weil er durchs Schreiben seine Allmacht genoss, derentwegen alleine er überhaupt schreiben konnte. Nur wegen des Faibles fürs Fabulieren strapaziert niemand seine Nerven, seinen Körper, seinen Freundeskreis. Verzichtet auf ein bürgerliches Leben und geht jeden Tag ein Risiko ein. Um sich den Wahnsinn der Arbeit an einem Roman anzutun, braucht es schon einen stärkeren Push-Faktor. So ehrlich sollten Autor:innen sein. Ich zumindest, daher: Ich will größenwahnsinnig schöpfen, eine Welt erschaffen und über sie herrschen. Ich will gottgleich sein.

Und danach, wenn all das erledigt ist, will ich meinen Liebsten umarmen und meine Großmutter anrufen.

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