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KÄRNTNER ECKE RING

Ein Roman, der etwas riskiert, was sich ohne weiteres als Faszinosum mitteilt. Auer beweist jedenfalls Kühnheit, so wie er hier völlig entgegengesetzte Vorstellungswelten aufeinanderprallen lässt, bei denen Traum und Traumata miteinander ein wildes Spiel treiben.

Carsten Otte, Lesenswert (SWR 2)

 

Walter Fanta für Literaturhaus.at

Ist Oralsex in der öffentlichen Toiletteanlage politisch?

"Abermals eine Stunde geschwiegen." (Prolog) "Er ballte die Fäuste." (Kapitel 1) Vom ersten Satz an hat mich dieser Text gefangen genommen. Und nicht mehr losgelassen. Ich habe das Buch nicht mehr aus der Hand legen können. Bis zum letzten Satz. "Nach ein paar Takten stimmte Norbert mit ein. Die Donau so blau, so blau, so blau…" (Kapitel 38) "Norbert. Ach ja. Das war sein Name." (Epilog) Die Gründe dafür, dass ich es in einem Sitz ausgelesen habe?

Erstens der Spannung wegen

Norbert ist Strichjunge geworden, weil ihn seine Mutter rausgeworfen hat. Die verbitterte, verfettete Tamara wartet beim Denkmal für Karl Lueger auf Herrn Ludwig, ihr erstes Rendevouz seit langem. Bilinski hat im riesigen Dachgeschoß seines Hauses ein Modell des architektonisch unversehrten Wien, mit dem er geheimnisvolle Pläne verfolgt. Der Einbeinige wiederum schreibt Kolumnen für die Obdachlosenzeitung 'Augustin'; er hat Nobert bei sich aufgenommen. Die Figuren streben aufeinander zu, und sie treiben auseinander. Wir haben begriffen, was sie zusammenhält. Gier, Geilheit, Leidenschaft, Schuldgefühle, Hass. Am Ende wird es Mord gewesen sein. Mehr sei nicht verraten.

Hommage an Wien

Zweitens ist der Roman auf seine Art eine Hommage an Wien, voller kulturhistorischer und alltagskultureller Details, fast schon wie bei Doderer in den Dämonen und bei Canetti in der Blendung. Die sozial- und tiefenpsychologischen Abgründe sind mit Lokalkolorit aufgefüllt. Die hehre Utopie von einem architektonisch unversehrten Wien ist von kindischen und perversen Wunschfantasien durchkreuzt. Die Stationen der Odyssee Norbert Bauers durch die Straßen und Plätze der kloakenhaften, versehrten Stadt werden bei wienkundigen Lesern zum Wiedererkennen führen. Aber Sie werden die öffentliche Toilette am Fuß der Rolltreppe von der Kärntnerring-Passage zur Staatsoper, wo beim Eintritt Johann-Strauß-Melodien intoniert werden, nie wieder betreten können, ohne an das denken zu müssen, was sich in diesem Roman in der dritten Zelle der Toilette abspielt, geschweige denn, dass Sie der Klofrau noch in die Augen sehen können, ohne ihr Grinsen als Mitwisserlächeln zu missdeuten. So zieht uns dieser Roman hinein in seine raffiniert erzählten Abscheulichkeiten, für die es an psychoanalytischen und soziologischen Motivierungen nicht fehlt. Gewagt, aber gelungen ist die Engführung zwischen Sex und Politik in der Doppel-Erzählung der beiden Protagonisten, deren Begegnungen der besonderen Art am Abort Kärntner Ecke Ring stattfinden: der muttergeschädigte, vatersuchende Strichjunge aus dem Plattenbau mit seiner auf den Bauch tätowierten Doppel-Acht und der großbürgerliche Bonvivant in seiner Doppelrolle als kunstsinniger Bourgeois Ludwig Bilinski einerseits und als hetzerische Krone-Leserbriefe schreibender Franz Bierheber andererseits.

Drittens die Sprache

Es ist Paul Auer in seinem Romanerstling auch geglückt, die Sprache des Begehrens seiner Figuren zu finden. Das nuancierte Spektrum reicht von der verlogenen Wortwahl des veröffentlichten Diskurses bis zum subkulturellen Fixer- und Neonazi-Jargon. Der Roman lebt von und atmet mit seinen authentischen Dialogen, wenn der Autor die unterschiedlichen Wiener Sprachmilieus aufeinander prallen lässt. Aber mehr noch von der Joyce-schen Bewusstseinsstromtechnik, vom Gedankenjargon, der Sprachmelodie der Geilheit, der Unlust, der Gleichgültigkeit, der Missgunst, der Hoffnung, Enttäuschung, Angst und Verzweiflung, von der Tamara, Norbert und Ludwig getrieben sind. Die Spannung entsteht ganz wesentlich durch die sprachliche Form der Erzählung, dadurch, dass wir nicht wissen, was die Figuren tun werden, weil sie es in ihren Gedanken nicht aussprechen, dass wir aber aus den Sprachblasen ihrer emotionalen Ausdünstung erahnen, worauf sie zusteuern. Die emotionalen und sexuellen Exzesse, die Gewalt wird nie von einem außenstehenden Erzähler beschrieben, sondern immer von den Figuren erlebt, erfahren, ausgeübt und meisterhaft erzählt (siehe Leseprobe!). Dass wir alle von den Fantasieschändungen betroffen sind, die in diesem Roman begangen werden, in irgendeiner Weise, mag ihm einen bunten LeserInnenkreis bescheren. Denn wie gesagt – man kann das Buch nicht mehr weglegen!

Peter Pisa für den "Kurier"

2017 dauert zwar noch, aber es könnte das österreichische Debüt des Jahres sein. Was sich der in Wien lebende Kärntner Paul Auer für seinen ersten Roman Schwieriges angetan hat, ist ... ein öffentliches WC, in dem sich Schicksale kreuzen. Kärntner Straße, Ecke Ring, bei der Oper.

Es stinkt, aber der Donauwalzer erklingt dort. Das WC wird zum Wahrzeichen. Zur Begegnungszone für das alte und das neue Wien.

Hässlich

Ein fast schon berühmter Leserbriefschreiber, – wohlhabender Hetzer, 60 Jahre alt – wartet dort immer Samstag um elf in der Kabine (= "Loge") Nummer 5. Er zahlt gut. Norbert kotzt sich an, aber eine andere Arbeit sucht er nicht. Kann man so leben? Wieso trifft der Mann auch Norberts Mutter, ohne dass der Sohn davon weiß? Und wie passt alles mit dem Plan zusammen, die Stadt vom Hässlichen zu befreien?

Paul Auers Roman ist unangenehm. Er meint es ernst mit den Menschen. Er findet die richtigen Worte für sie. Er macht keinen Spaß. Hurra, das ist kein Spaß!

Sebastian Fasthuber für den "Falter"

Paul Auer kommt auch aus Kärnten, lebt in Wien und legt als Debüt mit „Kärntner Ecke Ring“ ebenfalls einen Wien-Roman vor. In dem handlungsstarken Text zeichnet er eine Dreiecksbeziehung nach. Alle Beteiligten sind Beschädigte: der drogensüchtiger Stricher Norbert, den seine Dämonen durch die Stadt treiben, sein Hauptkunde Bilinski, der das alte Wien wiederauferstehen lassen will und zum gefährlichsten Leserbriefschreiber der Nation wird, sowie Norberts Mutter, auf die Bilinski ein Auge geworfen hat.

Das Erzähltempo von „Kärntner Ecke Ring“ ist hoch, die Stimmung düster, alles läuft auf ein dramatisches Finale hinaus. Manches Mal wird in der bizarren Vienna Opera Toilet Station gemacht, der Auer hier ein literarisches Denkmal setzt. Bei aller Rasanz hat er jedoch auch einen sehr reflektierten Roman geschrieben, der davon erzählt, wie politische und soziale Umstände Menschen formen und zerstören können.

Karin Cerny für "profil"

„Wien, du alte, kalte Hure ...“ - ein Gedicht des Exilautors Albert Ehrenstein muss der junge Stricher Norbert seinem Stammfreier Ludwig Bilinski, 60, auf der „Opera Toilet Vienna“ beim Sex rezitieren. In Paul Auers Debütroman „Kärntner Ecke Ring“ geht es deftig zu, seine Figuren sind Strauchelnde mit gehörigem Gewaltpotenzial: Norbert, der drogensüchtige Ex-Nazi mit Hakenkreuz-Tattoo am Bauch, Bilinski, der großbürgerliche Ästhet, der das Wien der Jahrhundertwende wiederauferstehen lassen möchte und unter Pseudonym zum gefürchtetsten Leserbriefschreiber des Landes avanciert ist. Und Tamara, die naiv-frustrierte Trafikantin und Mutter von Norbert, die schon lange keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn pflegt, aber ein Auge auf den Gentleman Bilinski geworfen hat. Auer, 1980 in Kärnten geboren, trifft in seiner aberwitzigen Dreiecksgeschichte für jede Figur den richtigen Tonfall, blickt ebenso zart wie brutal in die Köpfe einsamer Menschen. Wien ist bei ihm ein düsteres Pflaster, es brodelt unter der Oberfläche, der Roman läuft aufs dramatische Finale hinaus. So konstruiert Auers Geschichte auch erscheint, so souverän hält er als Erzähler alle Fäden zusammen. „Kärntner Ecke Ring“ ist ein monströser Roman: so abgründig und ergreifend wie ein Wienerlied.

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Präsentation von "Kärntner Ecke Ring" im Literaturhaus Wien