Untitled

Vermischtes

Random-Auswahl aus kleinen Veröffentlichungen

 

Krimschild

Was also bleibt, wenn ein Leben zu Ende ist? Wenn schwarze Gliedmaßen und blaue Flecken vom Menschen ablassen, wenn er aufgegeben hat? Fragen natürlich, abgeschmackt, anmaßend und jetzt ohne Bedeutung. Die sie früher hatten, später wieder haben werden. Fragen, die früher nicht gestellt werden konnten, in einer Nacht wie dieser nicht mehr gestellt werden können. Die sich aufs Neue stellen werden, in einer Woche, in einem Monat, in einem Jahr, dann allerdings willkürlich, ziellos, ihr Ablaufdatum werden sie überschritten haben. Sie werden sich nicht aufdrängen, sondern anbieten, der Vollständigkeit halber, der Eitelkeit wegen, um das Bild zu verfeinern. Was nicht nötig sein wird, nicht nötig ist, Antworten muss es in Wahrheit nicht geben. Solche würden dem Bild keine überraschende Note hinzufügen, keine neuen Kontraste, keinen subtilen Pinselstrich. Auch so ist alles denkbar, war alles denkbar, wird alles denkbar sein. Ich werde den Krimschild wieder in meiner Hand halten und abermals feststellen: Er riecht nach totem Fleisch. 


Zu dieser Stunde aber sollte das Abzeichen vergessen sein, in diesem Zimmer, wo längs des Pflegebettes auf der Kante der Holzvertäfelung ein paar Fotos aufgestellt sind. Sie an die Wand zu hängen, in angemessenen Rahmen, ist nicht mehr der Mühe wert befunden worden; die Fotos sind immer wieder zu Boden gefallen, fallen auch jetzt, Enkel und Urenkel, die Bewegungen der Nachtschwestern, laue Windstöße durch das offene Fenster.

Die Nachtschwestern ziehen dem Verstorbenen bemüht pietätvoll den Beerdigungsanzug an, sie tun sich schwer dabei, die Erstarrung hat bereits eingesetzt. Die Windstöße erinnern an einen subtropischen Sommer, es hatte über 35 Grad, als ich die Fotos zum ersten Mal aufgestellt habe. So beginnt der Abtransport, Tempo, Tempo, das süße Leben ist vorbei. Das alte Europa hat sich verkrochen, wurde geschnappt, der Katafalk ist im Anrollen. Morgen wird dieses Zimmer gesäubert werden, vom Geborgenheitssurrogat, vom Kruzifix, von den Rosen am Nachtkästchen. Der Fernsehapparat, der Radio, die Weinflasche, die Fotos, zum letzten Mal, schon verblichen, liegen sie am Boden – nichts von alledem wird morgen daran erinnern, dass dieses Zimmer Wohnort gewesen sein soll, Sterbeort ist; nie ein Ort war, wo man Fragen stellen konnte, die zuvor jahrelang brachlagen. Nun haben sie die Augen geschlossen, falten die Hände, andächtig summen sie ein Vater Unser. Genau. Sie sind abgeschmackt, anmaßend und ohne Bedeutung, ich schäme mich ihrer, und erst recht schäme ich mich des Krimschilds in meiner Hosentasche.


Ich sammle die Fotos ein und lege sie in den Korb meiner Großmutter. Sie muss es mir nicht erst auftragen. Ihr gegenüber bin ich instinktiven Gehorsam gewöhnt, und ich weiß, sie kann jetzt nicht innehalten. Es entspräche nicht ihrem Stil. Nach Betreten, ja Bestürmen des Zimmers ist sie zwar hin zum Bett geeilt, hat sich über ihren Mann gebeugt, die vom Sterben abgenagte Brust gestreichelt, den mit dem Polster vernarbten Kopf geküsst; hierauf aber wurden sogleich die Nachtschwestern beordert, dem Toten den Beerdigungsanzug anzuziehen, und selbst hat sie damit begonnen, Ordnung zu schaffen: den Kasten aufreißen, nach Hemden und Jogginghosen langen, diese am Tisch stapeln; aus der Nachtkästchenlade Uhr, Zähne und Taschentücher herausfischen, all das in den Korb hineingeben. Sie fragt sich und mich und die Nachtschwestern, was mit den Infusionsflaschen auf der Kommode geschehen solle, würde die Apotheke das Geld zurückerstatten? Minutenlang schwebt sie kreuz und quer durch das Zimmer, sammelt ein, was meinem Großvater für die letzten Atemzüge geblieben ist, sackt es ein, drückt es mir in die Hand, schließlich den Korb, ich muss alles wegschaffen, raus ins Auto, nur fort damit, Tempo, Tempo. Ich bin gehorsam, natürlich.


Nachdem ich drei Mal durch den nächtlichen Flur nach draußen zum Parkplatz gehuscht bin, jeweils vollbeladen, scheint die erforderliche Ordnung hergestellt. Nur ein Panamahut ist zurückgeblieben. Er hängt am Garderobenhaken hinter der Tür, meine Großmutter muss ihn zuvor übersehen haben; ihn am Tisch abzulegen, würde neues Chaos stiften. Kurzerhand setzt sie sich den Hut auf und fällt im selben Moment aus der Rolle, verwandelt sich von der Macherin in ein fragiles Mädchen, edel, traumschwanger, ergeben; ratlos vor allem und voller Unverständnis über den giftigen Schmerz, der ihr endlich in die Glieder fährt. Ein paar beschämte Schluchzer, dann beginnt sie zu weinen, ihr Gesicht wird geflutet, sie ruft die Kosenamen meines Großvaters aus, richtet ihm Hemdkragen und Krawatte, als ginge er ins Rathaus. Sie küsst seine weiße Stirn, die eingefallenen Wangen, seine Lippen, sinkt auf ihn nieder, schmiegt sich eng an ihn. Der Hut verrutscht und gibt ihr ungeordnetes Haar frei. Ich glaube zu sehen, dass mein Großvater lächelt, geschmeichelt und erlöst, während meine Großmutter ihn bitterlich klagend liebkost. Das Bild trübt sich ein, verschwimmt, geht in heißem Wasser unter, und vielleicht bleibt ja sie, wenn ein Leben zu Ende ist – die Liebe.


Noch vor ein paar Monaten, im Frühling, saß ich mit ihm in der Küche. Wir sahen uns seine Fotos aus dem Krieg an. Der Russlandfeldzug, die barbarische Apokalypse, Sklaven, Gas, Krematorien. Unternehmen Barbarossa, für mich Krieg schlechthin, seit Verlassen des Mutterleibes. Im wie meist zu laut aufgedrehten Radio begann ein Feature über Ruth Klügers „weiter leben“. Die Worte Einsatzgruppen und Vernichtungslager traten mir bald unbarmherzig in die Seiten. Meine Großmutter war im Wohnzimmer nebenan in ihrem Fauteuil eingeschlafen. Mein Großvater zeigte mit zittrigen Fingern auf Panzer und Infanteristen, die irgendwo auf der Krim Dörfer besetzten; brennende Strohdächer, zerbombte Fahrzeuge, tote Menschen in den Trümmern, auf Feldern, am Wegesrand. Vernichtungslager und Einsatzgruppen, die goldene Kärntner Frühlingssonne, Ausrottung.

Auch damals fragte ich nicht, was er gewusst hat; was er selber getan, ob er gemordet hat – mehr getötet, als nach irgendwelchen Vereinbarungen erlaubt. Wehrlose, Marode, Greise? Ist ihm klar gewesen, was mit zusammengetriebenen Kindern passieren würde?

Es war wie stets zu früh, zu ungemütlich. Der Krimschild in meiner Hosentasche roch umso mehr in der Küche meiner Großeltern. Mein Großvater war bereits vor dem Anschluss Nationalsozialist gewesen. Die meiste Zeit des Krieges war er an der Ostfront. Er war jung, überzeugt, vielleicht fanatisch – aber barbarisch? „Bei den Juden hat man übertrieben“, sollte später einer seiner Stehsätze werden. Mir ist die Unverschämtheit dieser Worte klar. Mir ist klar, dass man solchen Phrasen widersprechen muss. Ich habe es nie getan. Schaute mit meinem Großvater Fotos aus dem Krieg an, hörte die Stimme Ruth Klügers, hörte vom Judenstern, von Rassengesetzen, von Transporten in den Osten. Ich weiß nicht, ob mein Großvater das auch gehört hat. Ob ihm die Brutalität der Situation bewusst gewesen ist.


Ich wollte nie heuchlerisch wirken. All meine Privilegien leiten sich von ihm ab. Nicht umsonst habe ich ihn fast täglich besucht, hier in diesem Zimmer, so auch gestern, an seinem vorletzten Tag … Die frühere Scheu, ihm nahe zu sein, hatte ich überwunden. In gewisser Hinsicht hatten wir zueinander gefunden, durch Gespräche über die Vergangenheit – über die des Ortes, über seine Mutter, oder den im Krieg gefallenen Bruder. Allein zum Russlandfeldzug vermochte ich nie durchzudringen, wie auch, ohne Offensive? Lange Zeit hoffte ich, es würde sich ergeben, unvermutet, zufällig, nebenbei. Den Krimschild, eines Tages aus einer burgunderroten, mit Abzeichen und Medaillen vollgestopften Kassette gestohlen, seither von seinem Geruch bedrückt, trug ich als Mahnung stets bei mir – selbst in den Wochen des letzten Siechtums, als es längst zu spät war; als ich wusste, dass es keine Gespräche mehr geben würde. Ich flößte dem alten Mann Wasser ein, fütterte ihn mit Joghurt, oft saß ich einfach nur neben ihm, las die Zeitung, streichelte seine Hand. Habe ich je daran gedacht, den Krimschild herauszuziehen, auf das Nachtkästchen zu legen, oder auf den Polster, ganz nahe dem großväterlichen Gesicht; wortlos aufzustehen, zu gehen, am nächsten Tag in Erwartung einer Reaktion, irgendeiner, wiederzukommen?

Niemals.


Aber gestern erzählte ich ihm vom Krieg in Syrien, von den Massakern dort. In der Hoffnung, ihn so zu einem letzten Satz, zu einem abschließenden Wort über seinen eigenen Krieg zu bewegen? Zu einer Aussage oder Geste, die alle bisherigen Deutungen ausstechen, ein klares Urteil fällen würde? Vielleicht, aber was hätte es in diesem Zimmer sonst noch zu sagen gegeben? Die Floskeln über das Essen, die Pflegekräfte, den nahenden Herbst hatten sich erschöpft. Und ich hätte bestimmt nicht damit angefangen, wäre mein Großvater nicht wacher als üblich gewesen, heller. Er trank einen ganzen Becher Wasser, aß ein halbes Joghurt, sagte sogar „Heute scheint die Sonne“, sein erster vollständiger Satz seit einer Woche.

Erst bei diesen Worten kam mir Syrien in den Sinn, ohne Hemmungen, denn das war, natürlich, bloß ein vergebliches Aufflackern. Er hätte sich nicht mehr erholt. Er wollte es gar nicht mehr. Ich ahnte, dies wäre die letzte Gelegenheit, dass er sprechen könnte, zumindest hören: von fanatischen, rücksichtslosen, blutrünstigen Kriegern, Verschleppungen, Erschießungen, Enthauptungen; Zivilisten, Soldaten, Kinder, Alte, es spielt keine Rolle, was zählt ist Vernichtung, Auslöschung, Ausrottung …

Mit leeren Augen schaute er zum Plafond. Dann bewegte sich sein Blick in Etappen zum offenen Fenster. Kein Schnaufen war zu hören, als würde er nicht mehr atmen. Sein Gesicht jedoch, von Medikamenten und Agonie vor der Zeit zu einer kantigen Totenmaske gemeißelt, weichte sich auf, wurde schmelzendes Wachs, neu gezeichnet von ängstlicher Traurigkeit. Ich genoss diesen Anblick, zugegeben; weil ich wusste, mein Großvater hat mich verstanden. Hat begriffen, worum es mir eigentlich ging. Ich nahm seine Hand, wollte sie streicheln, er zog sie zurück. Richtete seinen Blick jäh auf mich, sah mich unverwandt an, und dann gab er mir zu verstehen, er konnte es nur flüstern, was er sich jetzt wünsche: ein Bier. 


Der alte Weintrinker sehnte sich nach dem Gesöff seiner nationalsozialistischen Jugendzeit. Ich hätte mich nicht für so barmherzig gehalten. Aber ich habe ihm das Bier besorgt, natürlich. Öffnete die Dose, steckte einen Strohhalm hinein, führte ihn an blutleere Lippen. Sofort klarten die Augen meines Großvaters auf, wurden unverschämt heiter, glucksten. Nach ein paar Schlucken versank sein Gesicht zufrieden im Polster. Ich fragte, ob er mehr wolle, er kniff die Lider zusammen, grinsend wie ein ertappter Lausbub: Bloß nicht, schien er zu sagen, er habe bereits genug gesündigt, das müsse unter uns bleiben, verrate es niemandem! Ich stellte die Dose am Nachtkästchen ab, hörte den alten Mann seufzen.

Als ich mich wieder zu ihm drehte, nach einem flüchtigen Moment, hatten sich seine Augen abermals verändert; waren ernst, luzid, streng geworden, einschüchternd und eindringlich flackerten sie mich an aus einem Purgatorium voller Triumphalem, Grausamem, Menschlichem. Es war der archetypische Blick des Großvaters als honoriger Patriarch, wie ich ihn Zeit meines Lebens kannte, der bar jedes Zweifels doziert – über die Geschichte, über die Politik, über den Zustand der Familie. „Diese Leute dort unten …“, glaubte ich ihn sagen zu hören, „… sind keine Menschen.“

Zeternde Amseln. Ich zog den Krimschild aus der Hosentasche. Sah ihn vor den Augen meines Großvaters schweben. Sie froren ein. Der Geruch von totem Fleisch legte sich über das Bett, den Boden, die Rosen und mich, breitete sich im Zimmer aus, webte die Baumkronen vor dem Fenster ein. Ich musste mich zwingen, nicht zu würgen, meinen Arm gestreckt zu halten, voller Angst, meine Großmutter könnte hereinstürmen, mich als Grobian demaskieren, als – Unmensch. Ich wollte aufspringen, wegrennen, da bemerkte ich es, ungläubig: Die Augen des alten Mannes, stier auf das Abzeichen gerichtet, waren rot geworden, glänzten wässrig; kleine Rinnsale bildeten sich auf seinen Wangen, wie Bäche in kargem Gebirge … Es waren seine Tränen, ich hatte sie nie zuvor gesehen. Erhaben und demütig zugleich, berauscht, als bestaunte ich zum ersten Mal das Polarlicht, wunderte ich mich über meinen mit reglosem Antlitz weinenden Großvater. Sein zuckender, bald sich hebender Arm, seine Hand, die erratische Bewegungen vollführte, sein schnappend werdendes Schnaufen, sogar der Geruch – all das wirkte auf mich wie mystische Phänomene eines kosmischen Naturschauspiels. Bis mein Ellenbogen von spitzen Fingern angetippt wurde, einmal, zweimal, dreimal, viermal, bis mich die Wirklichkeit des Zimmers wieder einfing. Er hatte recht. Es war genug.


Ich zog den Krimschild zurück, steckte ihn ein, zerknüllte ein Feuchttuch. Mein Großvater ließ den Arm fallen, sah über seinen bedeckten Leib hinweg, mit feierabendmüdem Blick. Seine Wangen färbten sich rosa. Allmählich beruhigte sich sein Atem. Ein frühherbstlicher Windstoß blies in das Zimmer, ich stand auf und schloss das Fenster. Nahm dann ein Taschentuch, wischte die kalten Tränen aus dem großväterlichen Gesicht. Mit einem verschämten Lächeln, einem stimmlosen „gut“ verabschiedete er mich, versiegelte seine Augen, ich griff noch einmal nach seiner Hand, streichelte sie; streichelte ebenso seine Stirn, seine Wangen, sie waren weich und warm.

Bald war der alte Mann eingeschlafen, schlief friedlich, und in meiner Vorstellung hat er sich nicht mehr gerührt, eine Nacht und einen Tag lang; träumte nicht von Russland, träumte nicht von Syrien, träumte vielleicht von seiner Mutter, von seinem Bruder, von seiner Frau, bis er sie alle vergessen und sterben konnte.


Es ist Herbst geworden. In den Wäldern auf den Hängen rund um den See liegt ein buntes Mosaik aus Ahorn, Lärche und Buche, wie ein Aufbegehren gegen den baldigen Verfall, ein trotziges Noch nicht! Am Kalvarienberg, dem Friedhof hoch über dem Ort, stehen meine Großmutter und ich. Sein Name, sagt sie, werde erst im Frühling in den Grabstein eingraviert werden, zunächst müsse das Grab absinken. Sie trägt eine Halskette mit einem goldenen, herzförmigen Anhänger, ein Hochzeitstaggeschenk; führt ihre rechte Hand zum Dekolleté, nimmt den Anhänger zwischen Zeigefinger und Daumen, reibt ihn sachte.

Ich schließe die Augen und falte die Hände, als würde ich beten. Das mache ich nicht, natürlich nicht.

Ich frage mich vielmehr, an die Herbstwälder denkend, an Syrien und an den Russlandfeldzug, wie die Natur bloß so schön sein kann. Mein Großvater ist tot, der Krimschild begraben, der Geruch nach totem Fleisch bleibt. 

Just Like A Woman

Taschentücher, zerknüllt, verstreut, ihre Tränen – eine Schande für dieses geschmackvolle Wohnzimmer, für das Massivholz, die polierten Flächen, die warmen Farbtöne; eine gefällige Kulisse, nicht aber für ihren mädchenhaften Weltschmerz, sondern für ein ordentliches Paar: ihre beste Freundin Elsa und deren Göttergatte Klaus, inklusive Kind natürlich; Dylan hieß der Kleine, ein abartiger Name. Bereits mit drei Jahren konnte er lesen … Aber immerhin, hier war ein Kind in passendem Zusammenhang.

Seit zwei Stunden hing Marion in dieser Familiengruft, freiwillig. Sie kauerte unter einem Feng-Shui-Windspiel, wurde von Duftkerzen umkränzt, Vogue und Cicero dekorierten den Couchtisch. Die Tasse Kräutertee hatte sie gedankenverloren auf einem Geolino-Exemplar abgestellt, ohnedies eine alte Ausgabe, wie Elsa, zunächst konsterniert, beschwichtigt hatte. Deren Tröstungsversuche waren mittlerweile beim Versiegen, ebenso Marions Tränen, der trotzdem abermals ein Taschentuch gereicht wurde, mit einem aufmunternden Blick, seit zwei Stunden … Weshalb hielt sie das für eine Schande? Für andere wäre eine solche Situation völlig normal.

Es sei halt vieles zusammen gekommen, hatte Elsa diagnostiziert, letzte Woche, letzten Monat, letztes Jahr. Richtig, hatte Marion erwidert, laufend komme bei allen etwas zusammen, nur sie trenne sich immer wieder. „Siehst du“, hatte Elsa gesagt, „deinen Humor hast du nicht verloren.“ Würde Marion jedes Mal hier sitzen wollen, wenn ihr derlei passierte? In eine Yakwolldecke gehüllt, beäugt von Dylanfotos und Dylanzeichnungen, Buddhastatuen und Farbklecksen im Großformat? Würde sie den K… auf diese Weise austricksen?

„Jetzt hör aber auf! Wieso solltest du Krebs bekommen? Gerade du! Du machst doch immer, wonach dir ist.“

Nein, diese weinerliche Rolle behagte ihr überhaupt nicht. Freundinnenzuspruch hatte sie üblicherweise auch nicht nötig. Ihren Kummer schlug sie im Regelfall nächtelang tanzend in die Flucht, zuweilen im Anschluss daran auf dem kurzfristigen Nachfolger des Verflossenen reitend; eine erprobte, effektive Methode. So hatte sie sich bisher stets aufzurichten vermocht, bloß dieses Mal war es nicht möglich, weil …

„Seit wann bin ich eine solche Mimose?“

„Bist du nicht! Weinen ist ganz natürlich!“

Für andere vielleicht. Für andere war eine Darmgrippe natürlich, das Gefühl, eine Fußfessel zu tragen; gezwungenermaßen zu Hause zu bleiben, einen Flug nach Bangkok zu canceln, andere hätten sich über das ersparte Geld gefreut, insbesondere der doppelten Reisekosten wegen. Kevin, diesen Adonis, hätte sie auf ihre Rechnung mitgenommen, um zu zweit am Strand zu liegen, sich nachts miteinander zu vergnügen. Zum ersten Mal hätte sie eine Begleitung einer Bekanntschaft vor Ort vorgezogen. Doch dann: Darmgrippe, ein Schlag in die Magengrube, irritierend. War das der K…? Seitdem sie vierzig geworden war, klebte dieses Wort an der Innenseite ihrer Lider; stierte sie an, wenn sie die Augen schloss. Es wäre bereits am ersten Abend in Thailand geschmolzen, Buchstabe für Buchstabe wäre ihr übers Gesicht geronnen und mit der Sonne im Indischen Ozean versunken; die Reste hätte ihr Kevin von den Wangen geleckt. Stattdessen: Nichts tun können, den Körper machen lassen müssen, Tee trinken, Zwieback knabbern, aufs Klo rennen. Bloß nicht die Augen schließen! Familienserien im Fernsehen, vollgeräumt mit schickem Mobiliar und Kindern, die Dylan hießen, gedehnte Stunden, endlose Tage, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Weihnachten; und Marion einsam in ihrer Garçonnière; staubige Billys, ein leerer Kühlschrank, schließlich die SMS von Kevin: Er habe eine in seinem Alter gefunden, hätte es Marion eigentlich erst nach dem gemeinsamen Urlaub gestehen wollen; er wolle sie nicht kränken, sorry. Kein Winter in Thailand, kein Kevin, der ihr die Tränen von den Wangen leckte. Schon gar kein Dylan, der Mama zu ihr sagte.

„Du wirst den Richtigen finden!“, säuselte Elsa. „Was erwartest du von solch jungen Burschen?“

„Soll ich ehrlich sein? Einen Waschbrettbauch. Ausdauer.“

Elsa lachte, und auch Marion musste kichern, bekam zudem Lust auf Wein. Aber dafür wäre es hier wohl zu früh, und vermutlich durfte ohnedies nur Klaus eine der teuren Flaschen öffnen. Elsa schenkte Tee nach, Marion zählte die herumliegenden Taschentücher: 14. Why don´t you play Bob Dylan? Weshalb fielen ihr jetzt diese Worte ein? Ihr alter Klassenlehrer, ein enttäuschter Phantast, hatte sie beim zehnjährigen Maturatreffen dem Typen hinter der Bar zugerufen. Damals, sie musste es sich eingestehen, waren ihre Wangen noch voller gewesen, die anderen Frauen hatten sie insgeheim bewundert; hatten einsehen müssen, dass die hart erarbeiteten Titel und Karrieretypen angesichts des Vergehens der Zeit wertlos waren, dass sie die Studienabbrecherin Marion beneideten, die durch die Welt reiste, einen festen Busen hatte – und Lover, die selten über zwanzig waren. Why don´t you play Bob Dylan? Ja, Elsa, warum nicht? Wie damals in jenem Sommer in Griechenland, bevor Klaus dich eingenetzt hat! Schluss mit dem Gelaber, von wegen Du wirst nicht alleine alt werden! Vorm Altwerden hatte Marion nie Angst gehabt. Leute, die ihre Kinder Dylan nannten, hatten Angst vorm Altwerden, Angst davor, ausgelaugt, ohne gelebt zu haben auf der Strecke zu bleiben. Sie hingegen … Sie war nicht wie die Anderen! Und jetzt wollte sie Bob Dylan hören, jetzt wollte sie Wein trinken!


Klaus kam nach Hause, ein Typ wie vom Cover eines Elternmagazins, Banker, Obmann des Elternvereins, ZEIT-Abonnent; zu seiner Halbglatze stehend und zu seinem Wohlstandsbäuchlein, unsentimental, mitunter sexistisch, klarerweise mit dem gewissen Augenzwinkern. Na, schwelgen die Mädels in wilden Erinnerungen?, hätte er gönnerhaft gefragt, hätten sie Bob Dylan gehört und Wein getrunken; mit dem ironisierenden Gehabe eines zeitgemäß Gereiften, im Glauben, seine Augen würden sein Innenleben nicht verraten, als könnten sie noch leuchten, obwohl sie früher schon nicht geleuchtet hatten. Allerdings … Marion stutzte, während Klaus Elsa und sie betrachtete, schien in seinem grauen Gesicht tatsächlich etwas aufzuleuchten, ja beinahe zu glänzen; beim ziemlich ungenierten langen Blick auf Marions Busen nämlich.

„Ich bin leider nicht zum Kochen gekommen“, entschuldigte sich Elsa, die nichts zu bemerken schien. Das sei nicht schlimm, erwiderte Klaus, er habe am Markt Antipasti, Humus und Fladenbrot besorgt. „Du bist ein Schatz! Weißt du, Marion ist sehr unglücklich.“

Langzeitpaare … Die Taschentücher hätte Elsa ebenso gut mit einer Erkältung erklären können, und die letzten Tränen hatte Marion sich aus dem Gesicht gewischt, ehe Klaus herein gekommen war. Absolutes Vertrauen, keine Geheimnisse, so sei das zwischen zwei Menschen in einer reifen Beziehung – derart hätte Elsa ihre Redseligkeit begründet; obwohl Klaus seiner Frau lediglich einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab und er ganz offensichtlich nicht deren Busen musterte. Zugegeben, der konnte mit dem Marions nach wie vor nicht mithalten.

„Hast du im Büro nicht einen netten Kollegen, einen, der auch alleine ist?“, fragte Elsa.

Kannst du die Ware nicht irgendwie los werden? Das hätte keinen Unterschied gemacht. 

„Rupert ist Single, soviel ich weiß. Er ist aber auch schon 36.“

„Klaus, das ist nicht witzig!“

„Lass ihn doch!“, beschwichtigte Marion. „Er hat ja recht. Vielleicht sollte ich es mal mit einem in meinem Alter probieren.“

Elsa strahlte: „Das ist die richtige Einstellung! Du wirst sehen, ein wirklich erwachsener Mann ist etwas ganz anderes.“ 

Marion sah zu den Dylanfotos an der Wand, dann zum Dylanvater, der zur Dylanmutter irgendein Dylanzeug sagte; der Antipasti, Humus und Fladenbrot in die Küche brachte, zurück kam, ihren Busen abermals fixierte. Seine Ungeniertheit war bemerkenswert.

„Die traurige Wahrheit ist jedoch“, meinte Klaus, „nicht viele Männer kommen mit starken Frauen zurecht.“ In seinem Gesicht konnte Marion seine Gedanken lesen: Selbst bei diesen Rundungen. Für eine Nacht kein Problem. Bestimmt eine Granate im Bett. Sie schloss die Augen … das K-Wort.

„Komm doch nächste Woche mit zu diesem Yogaseminar“, schlug Elsa aufgekratzt vor. „Das erwartet man gar nicht, aber nicht wenige Männer nehmen an so etwas teil, und die sind meist im besten Alter und sehr nett … und Yoga, naja“, Elsa grinste, „durch Yoga wird der Körper wahnsinnig biegsam. Nicht wahr, Klaus?“

Klaus errötete und machte eine abwehrende Handbewegung. Marion lächelte: „Ich werde es mir überlegen. Lieb von dir, dass du mich mitnehmen willst …“

„Ich bitte dich! Wozu hat man denn eine Freundin?“

Marion sah auf die Uhr, tat überrascht, dass die Zeit so schnell vergangen sei. Sie umarmte Elsa, bedankte sich, schüttelte Klaus die Hand; sein abermaliger Blick auf ihren Busen verursachte ihr ein Bauchkribbeln. Elsa sammelte derweil die Taschentücher ein.


Eine Woche später kam Marion neuerlich zu Besuch. Allerdings war Elsa ohne sie zu dem Yogaseminar gefahren; sie sei noch nicht so weit, die Wunde sei noch zu frisch. Dylan verbrachte den Tag im Museum.

Klaus bebte, zitterte und schrie. Marion hingegen spürte zwar ein angenehmes Zucken, keineswegs jedoch jene erstklassigen, kevinmäßigen Stromschläge.

„Wie alt bist du eigentlich, Klaus?“, fragte sie, während sie sich anzog.

„43“, schnaufte er, noch nackt am Bett liegend. „Wieso?“

„Nur so. Ziemlich dylanesk ist das alles, findest du nicht auch?“

„Dylan… was?“

„Nichts. Vergiss es. Wir sehen uns.“

Im Lift pfiff sie Just Like A Woman. Mit dem Taxi fuhr sie zum Flughafen. Ein grauer Himmel über ihr, graue Gebäude vorüberziehend, in den Autos graue Menschen. Sie machte die Augen zu; das K-Wort war verblasst. It was raining from the first, and I was dying there of thirst, so I came in here …

In der Abflughalle wartete Pascal.

Wilder Vogel

Nun also liege ich hier, durchaus bequem, höre den Nachtklang der Frühlings­vögel, sehe den recht­ecki­gen Ausschnitt des mond­beschie­ne­nen schwarzblauen Himmels über mir, in den sich die Äste und Zweige meines Baumes fast unmerklich ein­schieben. Sie sind noch kahl, wie man sagt, aber die Knospen sprießen bereits. In wenigen Tagen, so die Witterung milde bleibt und kein böser Frost einsetzt, wird die Blüte beginnen. Blüte. Ich bin gewiss nicht der Erste, dem die phonetische Nähe dieses Wortes zu ‚bluten‘ auffällt, nahe­geht, Nacht für Nacht. Tatsächlich wird, wie stets im Leben, dem Blühen das Bluten folgen, wenn im Spät­sommer an meinem Bäumchen die Kirschen hängen werden. Wilde Vogel­kirschen.

Der weise Mann am Markt hatte recht, dies ist der richtige Baum für mich, für uns. Ich sehe ihn vor mir auf einer Obst­kiste stehen, höre seine schneidende Stimme tief­schürfende Plattitüden in die Zuhörer­schaft schmettern, in welche ich mich auf der Suche nach Zu­taten für mein Nachtmahl ein­gefügt habe; ich war neu­gierig, wessen die Menschen­traube so gebannt lauschte, mit welchen Worten der Mann auf der Obst­kiste lockte und schlussendlich zumindest mich bis in diese Grube hier brachte, bringen würde. Wir sind mit nichts auf diese Welt gekommen, mit nichts werden wir sie wieder verlassen. Das waren seine ersten Worte. Ich ver­rate Ihnen sogleich: Es werden auch seine letzten sein.

Plattitüden, ja, wie auch das Folgende: Die Kleider, die wir zwischen Geburt und Tod tragen, die Arbeit, die wir verrichten, die Gedanken, die wir für wichtig halten, die Ziele, die wir zu erreichen suchen, die Enttäuschungen, denen wir uns aus­liefern, sie alle sind angesichts der Dauer und Größe des Universums nicht einmal diese Worte wert … Das weiß im Grunde jeder, das zu beweisen oder zu wider­legen bemühen sich Philo­sophen seit Anbeginn der Zeit. Bloß nützt es nichts. Der Mensch bleibt lebendig und nimmt sein Leben wichtig, doch das Gegen­teil würde ihn nolens volens umbringen, es wäre ihm unerträg­lich, alleine die Vorstellung, dass dieses illusorische Konstrukt einer Identität aus Herkunft, Name, Vor­lieben, Zielen, Merk­malen, Eigen­heiten, Abneigungen, dass dieses schein­bare Individuum nichts als ein von chemischen Impulsen durchzuckter Zell­haufen sei, ist den meisten Menschen nach wie vor eine unerhörte Kränkung, die ihnen den Boden unter den Füßen weg­zu­ziehen imstande ist, ja mehr noch, die sie in das sprichwörtliche schwarze Loch stürzt, zu­weilen eine buchstäbliche Grube; woraus sie erst recht wieder bloß mit Hilfs­mitteln der Lüge, mit Medikamenten, Therapien und neuen Glaubens­sätzen befreit werden können. Indes ist jedem, sobald er sich einmal in jenem schwarzen Loch befunden hat, einsichtig, dass es solch Befreiung nicht geben kann, spätestens wenn er sich in die vermeintlich liebe­vollen, erlösenden Hände fernöstlicher Lehren begeben hat und nach anfänglicher Euphorie und der phantastischen Gewissheit, endlich einen Modus Vivendi mit den Zu­mutun­gen der Eitel- und Übelkeit gefunden zu haben, zu der furcht­baren Einsicht gelangt, dass selbst dieses einleuchtend scheinende Glücks­verspre­chen lediglich eine Methode ist, die Zeit tot­zu­schlagen und auf eine wieder­erstan­dene bessere Zeit zu hoffen, ohne sie zu erwarten, insofern der perfideste Selbst­betrug unter allen.

Erwarten sollte der Mensch ohnedies nichts, und dass er dies weiß und dennoch ihm die Erwartung nach all den grauen­haften Jahr­tausen­den blutigen Fehl­verhal­tens nicht aus­getrie­ben worden ist, dass er immer noch, ob als Gattung oder Monade, auf ein Paradies hofft, temporär oder ewig, ja alleine diese kognitive Dis­sonanz des Menschen, dass er eben erwartet und zugleich weiß, dass sich bislang noch keine einzige Erwartung gerecht­fertigt hat, und wenn doch, so lediglich unter der Zu­hilfe­nahme wiederum von neuen tröstenden Erwartungen – ein Knäuel an Wider­sprüch­lich­keiten, zudem nur mittels Ironie hand­zu­haben. Denn bekanntlich hat jener Mensch in kindischen Zeiten wie diesen verloren, der seine eigenen oder die Bedürfnisse seiner Mit­menschen ernst nimmt (dass der Mensch sich wichtig nimmt, bedeutet nämlich leider keiner­lei Ernst­haftig­keit) – denn etwas ernst zu nehmen heißt in erster Linie, sich der möglichen Blöße enttäuschter Erwartungen hin­zu­geben, was sich nach all den Jahr­tausen­den grau­samer Blut­rünstig­keit und peinlicher Pathetik kein halbwegs auf- und abgeklärter Mensch erlauben kann, wes­wegen nicht nur Gott tot ist, sondern auch alle, die ihn getötet haben, aber eben auch alle, die ihn wieder­zu­beleben versuchen.

Nun werden Sie sich vermutlich fragen, was das soll, oder auch nicht, denn Ver­mutun­gen über die Re­aktion, das Ver­halten, die Gedanken, die Schluss­folge­run­gen unserer Mit­menschen anzustellen mag mittler­weile als unbot­mäßi­ger Übergriff in die individuelle Integrität eines Einzelnen gelten, da ja, eben weil wir alle mehr denn je von unserer Bedeutungs­losig­keit angesichts der Zeit und des Raums, die uns um­geben, wissen, jeder diese seine Bedeutungs­losig­keit zum Maß aller Dinge erhebt, erheben muss, da er ansonsten im Wahnsinn, im Loch, in der Grube sich winden würde, Tag und Nacht, in der Hoffnung oder Erwartung, der noch zu ent­täuschen­den Erwartung, dass die Mutter kommen möge, um das gekränkte Kind, zu dem die anderen Kinder so garstig sind, zu trösten, ihm zu ver­sichern, dass es natürlich das beste und schönste und richtigste Kind auf dieser Welt sei, bloß die anderen Kinder ihre eigene unerträg­liche Bedeutungs­losig­keit auf das bedeutungs­volle beste, schönste und richtigste Kind dieser Welt pro­jizie­ren – wie ja überhaupt jeder heut­zu­tage mit jedem Atemzug nichts anderes macht, als zu pro­jizie­ren, jede Äußerung, jede Anmerkung, jede Ver­mutung, jeder Hinweis, eben jeder Atemzug ist eine einzige Projektion.

Abgesehen von Projektionen hat sich für Sie also noch nicht erschlossen, weshalb ich all das sage, hier auf meiner Obst­kiste stehend oder doch in meiner Grube liegend. Sie haben gewiss Ver­mutun­gen, wer und was ich bin, vor allem aber weshalb ich hier neben mir ein Bäumchen aufgestellt habe, eine Wild- oder Vogel­kirsche, wie der Fachmann unter Ihnen gewiss schon fest­gestellt hat, ohne hierzu sein Smart­phone zu bemühen. Auch Sie, die Sie mir, der ich in meiner Grube liege, zu­hören, müssen nunmehr nicht Ihr Smart­phone bemühen, denn was Ihnen Wiki­pedia über diesen Baum zu ver­raten imstande ist, könnten Sie auch von mir erfahren. Glauben Sie, ich würde auf den Markt­plätzen dieser Stadt einen Baum an meiner Seite präsentieren, über den ich nichts zu erzählen in der Lage bin? Ich nehme mich nämlich, wenngleich das angesichts dessen, was ich bislang von mir gegeben habe, womöglich über­raschend erscheinen mag, vielleicht nicht wichtig, aber durchaus ernst. Deshalb würde ich mich auch nie auf eine Obst­kiste stellen, inmitten eines Marktes voller vor Projektions- und Spott­bedürf­nis­sen nur so strotzenden Menschen, die permanent Ausschau halten nach Gelegen­heiten, einen anderen zu erniedrigen oder zu erhöhen, meist allerdings zu erniedrigen, um sich selbst zu erhöhen, während mir ganz alleine diese Obst­kiste genügt, diese Grube, mir diese fünfzig Zenti­meter Erhöhung, diese drei Meter Erniedrigung über oder unter den Erdboden vollkommen ausreichen, wobei ich selbst­redend weiß, dass jedes meiner Worte gegen mich verwendet werden kann. Es muss doch gerade­wegs so wirken, als würde ich mich über die Menschen rundum auf den Märkten er­heben, ich und mein Wild- oder Vogel­kirsch­baum, oder als würde ich mich tief­gründiger machen, als es mir zusteht, summa summarum als hätte ich etwas verstanden, was sie, die anderen Menschen, und auch Sie, die mir zu­hören, nicht verstehen. Werfen Sie mir ruhig alles vor, insbesondere dass ich nicht zum Punkt komme, dass ich abschweife, dass ich Ihre Geduld auf die Probe stelle, dass ich Sie lang­weile, ja sogar, dass ich Sie frotzle. Das alles stimmt genauso, wie es falsch ist, aber eines ist unzweifel­haft wahr: dieser Baum. Niemals würde ich mich daher auf eine Obst­kiste stellen und darauf hoffen, dass jemand aus der mich verlässlich um­geben­den Traube sich her­aus­lösen und fragen würde: ‚Was verlangst du für diesen Baum?‘ Das wird nie geschehen, denn würde es geschehen, so wäre die Welt eine andere und nicht mehr jene, in der man davon aus­gehen müsste, dass sich kein Mensch eine Blöße geben will, wes­wegen es eine Welt mit völlig neuer Zeit­rechnung wäre, sodass es jenes von mir hier und jetzt – auf der Obst­kiste, in der Grube, unter den Ästen eines blühenden, verblühten Wild- oder Vogel­kirsch­baums – verwendete ‚nie‘ in diesem zeit­lichen Kontext nicht mehr gäbe. Sie sehen, Sie ver­stehen, es gibt kaum eine Möglichkeit für mich, diesen Baum los­zu­werden und in ein Leben ein­zu­treten, in welchem ich mich nicht mehr dazu genötigt sähe, Tag für Tag zu einem Markt zu trotten, eine Obst­kiste zu besteigen und auf womöglich kryptische, aber in Wahrheit aus­gesprochen luzide Art diesen Baum anzupreisen, in der Hoffnung/Befürchtung, in der Erwartung/Illusion, in der vermeintlichen In­diffe­renz, mit der ich, wie doch aus allem bisher Gesagten her­vor­gehen muss, einem solchen Ereignis gegen­über­stehen würde, dass nämlich einer meiner Zu­hörer/Zuschauer (ich kann niemandem einen Sinn unter­stel­len, geschweige absprechen) mich erlösen würde und mir dieses Bäumchen (ich nenne das Gewächs je nach Lust und Laune, wie ich meine, aber vermutlich aufgrund komplexerer Funktionen meines Geistes, ‚Baum‘ beziehungs­weise ‚Bäumchen‘) ab­zu­kaufen (oder ander­weitig zu erwerben) gewillt wäre. Somit bin ich not­gedrun­gen Tag für Tag selbst der­jenige, der mich erlöst und zur Dämmerung, wenn sich der Markt geleert hat, wenn die Verkaufs­stände geschlossen sind, wenn ich nur mehr von den Fassaden schmucker Bürger­häuser an­geschwie­gen werde, das Wort an mich auf der Obst­kiste stehend richte.

  • O Herr, welch schönes Bäumchen Sie hier mit sich führen. Eine Wild- oder Vogel­kirsche, wie ich meine.

  • Ganz recht, mein Herr, tatsächlich handelt es sich bei dem Baum, den ich hier in meiner Hand halte, um einen der Sorte Wild- oder Vogel­kirsche.

  • Ich sehe auch, auf dem Bäumchen ist ein Schild mit der Aufschrift ‚Zu vergeben‘ angebracht. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Möglichkeit besteht, mir dieses Bäumchen an­zu­eignen, so wir beide uns, wie man sagt, handels­eins werden?

  • Ja, mein Herr, Sie fehlen nicht in dieser Annahme, ja ich möchte sogar sagen, Sie sind bereits der neue Eigen­tümer dieses Bäumchens alleine deshalb, weil Sie dies erkannt haben.

  • Sie meinen, mein Herr, weil ich durchaus ohne mich hierfür eines technischen Hilfs­mittels zu bedienen weiß, wofür diese Sorte Baum namens Wild- oder Vogel­kirsche, wie die Kirsche allgemein, auf einer symbolischen Ebene steht, nämlich …

  • Obacht, mein Herr, Obacht! Wir dürfen die offen­sicht­lichen Gegeben­heiten nicht aus­sprechen.

  • Nein, mein Herr, das sollten wir auch nicht. Wir wollen …

  • … uns einen ruhigen Ort suchen, weit weg von anderen Menschen, fernab des Lärms dieser Zeit, und …

  • … uns eine Schaufel besorgen …

  • … eine Schaufel wird es an jenem Ort bereits geben. Sie wird zur Zierde dort liegen, denn auch unsere Grube wird bereits aus­gehoben sein.

  • Ja wird denn gar schon eine Mulde vorbereitet sein, in die wir unseren Wild- oder Vogel­kirsch­baum ein­setzen können, dergestalt, dass wir in der Grube liegend ihre Krone über uns wiegend wissen?

  • Selbstverständlich, mein Herr, das alles wird so sein. Es ist bereits so. Wir liegen bequem und betrachten den mond­beschie­ne­nen schwarzblauen Himmel, die Äste und Zweige unseres Bäumchens. Wir hören sogar den Nachtklang der Frühlings­vögel.

  • Und morgen werden wir abermals auf einer Obst­kiste stehen …

  • … unsere Wild- und Vogelkirsche verlässlich an unserer Seite.

  • Niemand wird sie nehmen, niemand wird sie wollen, niemand wird sie ver­stehen. Und wenn eines Tages doch …

  • … so wird einer von uns …

  • … die Schaufel nehmen und …

  • … den anderen …

  • … vergraben und sagen:

  • Wir sind mit nichts auf diese Welt gekommen …

  • … mit nichts werden wir sie wieder verlassen..

Anschauung. Gefühl. Kaugummi.

Du bist ein Phantast!, hat man mir gesagt, früher, in der Steinzeit, als ich noch ein kleiner Scheißer war und auch schon so dagestanden habe, erinnere ich mich, am Schillerstrand, wie sich dieser Park nennt, hier in meinem Heimatort am See, Heimat, denke ich, komisches Wort, voll Nazi irgendwie, du bist ein Phantast!, denke ich, hat man mir früher gesagt, erinnere ich mich, während ich raus auf das Wasser gucke und ein Elektroboot bemerke, Kids darauf, ihr Gellen und Kreischen hör sogar ich, wird mir klar, hier am Schillerstrand, der, frage ich mich, doch nicht wirklich nach dem Friedrich benannt worden war, oder doch?, keine Ahnung, das haben wir in der Schule nicht gelernt, nur wie die Feuerwehr organisiert ist und in wie viele Bezirke das Bundesland eingeteilt ist, fällt mir ein, aber ob dieser Park hier direkt am See, wo ich stehe und raus auf das Wasser gucke, zu den Kids im Elektroboot, gerade ist ein Junge von den Mädchen runtergeschubst worden, mit einem quietschenden Stimmbruch-Crescendo ist er ins Wasser geplatscht, ob dieser Park also nach dem Friedrich benannt worden war, nach dem cooleren Weimarer, wie ich mal zu meinem Lehrer in der fünften Klasse gesagt habe, als der von mir wollte, dass ich den Zauberlehrling vom schnarchigen Geheimrat auswendig lerne, nein, habe ich krakeelt, geben Sie mir was vom Schiller, der ist der coolere Weimarer!, und das denke ich heute immer noch, bemerke ich, hier am Schillerstrand raus auf das Wasser guckend, zum Elektroboot, das der Junge gerade wieder entert, sehe ich und frage mich, ob er jetzt als Retourkutsche eines der Mädchen ins Wasser schubsen wird und ob das nicht irgendwie voll symptomatisch ist für die ganze Scheiße auf der Welt, den Krieg, Terror, Afrika, wenn man gleich jemanden ins Wasser schubsen muss, nur weil man selbst ins Wasser geschubst worden ist, aber irgendwie passt das nicht her, denn eigentlich geht es ja darum, dass mir in der Schule keiner gesagt hat, ob dieser Park nach dem Friedrich benannt worden war, damals, im Kaiserreich, als hier Reifröcke und Zylinder aus Wien zur Schau gestellt wurden, keiner hat mir das in der Schule gesagt, was voll krass ist, irgendwie, denn hätte es mir einer in der Schule gesagt, damals, als ich so ein kleiner Scheißer war, denke ich, dann hätte ich mich mit dem Friedrich beschäftigt und nicht mit Donald Duck und Michael Jackson, und dann hätte ich schon, als ich ins Gymnasium wechselte, alle Balladen und Dramen und weiß der Geier was der Typ noch geschrieben hat, durchgehabt, und dann, glaube ich, hätte ich schon in der ersten Klasse am Gymnasium zu meinem Deutschlehrer gesagt, dass der Friedrich der coolere Weimarer war, und dann, spinne ich meinen Gedanken weiter, während draußen am See das Elektroboot mit den Kids darauf verschwunden ist, komisch, denke ich, einfach so, gar nicht bemerkt, aber so ist das im Leben, denke ich, ganz plötzlich sind die Sachen weg, Sachen, die man eben noch in seiner Tasche hatte und an die man gar nicht mehr gedacht hat, weil sie einem so selbstverständlich geworden waren, ein Kaugummi zum Beispiel, oder Selbstwertgefühl, ein Zuhause auch, gerade ein Zuhause, denke ich, Heimat, wieder dieser Nazi-Begriff, voll arg, denke ich, dass der so in mir drin steckt und nicht eine Ballade vom Friedrich, die ich aus dem Stegreif hier am Schillerstrand aufsagen könnte, um zum Beispiel, was, wie mir klar wird, voll die kapitalistische Denke ist, ein paar deutsche Touristen zu unterhalten, die hier ohne Reifröcke und Zylinder, aber in zu engen Tops und zu offenen Hemden herumgehen, denn flanieren, nein, flanieren kann man das nicht nennen, ich meine, flanieren geht ja heute auch gar nicht mehr wegen Krieg und Terror und Afrika, und natürlich der Klimawandel, fällt mir ein, der Klimawandel, ja, auf den hat uns auch keiner vorbereitet damals in der Schule, wo mir auch nicht gesagt wurde, ob dieser Park nach dem Friedrich benannt worden war, was mich anpisst, irgendwie, denn wenn ich davon und nicht nur von Donald Duck und Michael Jackson gewusst hätte und meinen Deutschlehrer bereits in der ersten Klasse am Gymnasium damit beeindruckt hätte, dann hätte der mich vielleicht speziell gefördert, hätte zu meinen Eltern gesagt, Leute, der Kleine ist ein Genie, kann alles auswendig vom Friedrich, und dann hätte es ganz viele fette Bücher bei uns zuhause gegeben, nicht nur Kochbücher und Krimis und ich hätte, denke ich, gelesen Tag und Nacht anstatt meine Zeit mit Donald Duck und Michael Jackson zu vergeuden, die ich ja beide mag, sehr mag, ich mag die total, denke ich, aber es gibt halt diese Norm, dieses Hochkulturelle, den Bildungskanon, voll faschistisch irgendwie, denke ich, und da gehören die zwei halt nicht dazu, obwohl, ich meine, vielleicht auch schon, das müsste ja nicht so sein, das könnte ja auch ganz anders sein, es könnte überhaupt vieles total und ganz anders sein, denke ich und krieg eine Gänsehaut, als mir klar wird, dass ich, wenn es bei uns zuhause nicht bloß diese ollen Kochbücher und Krimis gegeben hätte, ich voll anders mich literarisch hätte bilden können, nach dem Friedrich ganz bald Rimbaud, Camus, Flaubert und dann bald Glavinic, den mag ich, mag ich sehr, und dann, denke ich, hätte ich nicht nach Hildesheim gehen müssen, um jahrelang in Hängematten zu liegen, oder in altersschwachen Vintage-Möbeln vom Flohmarkt und Cola und Snickers in mich reinzustopfen und gestreifte Shirts zu tragen und immer einen auf cooler Sprachjoungleur zu machen und über Identitätskonstrukte zu diskutieren und auf Literaturfestivals ständig konzentriert und interessiert und trotzdem total locker irgendwo herumzustehen oder zur Bühne zu gucken, weil ja jederzeit irgendwer ein Foto machen kann, das dann über irgendeinen Socialmedia-Kanal rausgesandt wird in die Welt und mehr Leute erreicht, als der Friedrich zu seinen Lebzeiten mit seinen Sachen erreicht hat, und dann muss ich auch ständig im Präsens schreiben, in der ersten Person, obwohl ich das ja mag, sehr mag, das hat so was Präsentes, was Persönliches, manchmal sogar Innerliches, denke ich, aber mit der Zeit ist dieser Schreibstil wie ein Kaugummi, der seinen Geschmack längst verloren hat, den man aber auch nicht ausspucken will, nicht nur wegen der Umwelt, sondern weil man sich so an die Kaubewegung gewöhnt hat, hat was Beruhigendes, man hat sich voll daran gewöhnt, wie an das Elektroboot draußen am See, das war auf einmal weg, einfach so, und ich frage mich, was das mit mir macht, ob mir überhaupt klar ist, was da passiert ist, ob überhaupt irgendwas heutzutage klar sein kann, ich meine, Trump, denke ich, und ich frage mich auch, was das Ganze jetzt eigentlich mit Lolita zu tun hat, aber nicht der Lolita von Nabokov, der Nymphette, sondern der anderen Lolita, der jugendfreien Lolita, die vom Seemann singt, der das Träumen von Zuhause sein lassen soll, weil seine Heimat das Meer und seine Freunde die Sterne und seine Liebe das Schiff, und irgendwie, denke ich, hat diese Lolita, die jugendfreie Lolita schon Recht und das, meine ich plötzlich ganz laut zu mir selbst, ist es auch: Ich bin ein Seemann, denke ich, obwohl ich eben noch meinte, ich würde das ganz laut zu mir meinen, wieder so eine Sache, und deswegen, glaube ich, muss ich auch diese gestreiften Shirts tragen, die ich ja mag, sehr mag, wie sie auch meine Freundin mag, die zumindest jetzt meine Freundin ist, weil ich mag sie, aber kann man ja nie so sagen, auch wenn man sich mag, kann man ja alles von kurz auf jetzt verlieren, wie einen Kaugummi oder das Selbstwertgefühl oder die Heimat, Nazibegriff, aber nicht dann, wenn manfrau, was denn eigentlich?, Seemannfrau ist, weil manfrau dann immer on the road ist, obwohl das am Wasser komisch klingt, und die Illusion einer Heimat, das Konstrukt eines Zuhauses ablegen muss, ablegen, denke ich, genau!, nicht verlieren, nicht plötzlich denken, Mann, nicht mehr da, einfach weg, sondern ganz bewusst ablegen, wie einen Mantel in einem dieser Fernsehkrimis, die früher freitags im Fernsehen liefen, damals, als man noch Fernsehen geschaut hat, da hat es, wenn jemand in die Wohnung gekommen ist, der Derrick oder der Alte oder sonst wer, immer geheißen: Wollen Sie nicht ablegen?, und dann hat das Telefon geläutet, so ein richtiges Klingeln, das, denke ich, die Kids vom Elektroboot früher gar nicht mehr kennen, wie die Lolita, weder die eine noch die andere, kennen sie auch nicht mehr, aber wie das so ist, wenn man seine Heimat verliert, oder wenn man sie ablegt, das werden sie noch zu spüren bekommen, denke ich, und ich frag mich, ob ich nicht voll altbacken klinge, ob ich gar so werde wie meine Eltern, erwachsen, mit Ende 20, fühl mich noch gar nicht so, kann noch warten, denke ich, wäre anders, glaube ich, hätte ich als kleiner Scheißer erfahren, ob dieser Park nach dem Friedrich benannt worden war, aber weil mir das keiner verklickert hat, verklickert, auch so ein komisches Wort, über das wir in Hildesheim voll oft diskutiert haben, weil es so was Liebliches und zugleich voll was Hartes, ja Autoritäres hat, na eben deswegen muss ich jetzt halt hier blöd rumstehen und finde fast keine Möglichkeit, wie ich diesen total absurden, bizarren, grotesken Text akkurat zu einem Ende bringe, obwohl ich noch gar nicht vom Ficken geschrieben habe, und dass das irgendwie ganz okay war, aber vielleicht denke ich, muss das nicht sein, obwohl ich das mag, wirklich, ich mag das, aber es geht meistens auch so, alles geht so, mir geht es so, und ich überlege, ob ich nicht doch endlich nach Berlin ziehen sollte, weil ich meine, wenn eine Stadt wie ein Meer ist, dann Berlin, das ist ja wohl klar, denke ich, sage ich, fühle ich, schreibe ich, aber jetzt muss ich mal austreten, weil ich ja schon seit Stunden hier rumstarre am Schillerstrand und noch immer nicht weiß, ob der Park nach dem Friedrich benannt worden war, und vielleicht, denke ich, muss ich das auch gar nicht wissen, vielleicht, denke ich, müssen manche Dinge im Leben unklar bleiben, trüb, schwammig und ich ein Phantast und dadurch ja schon auch irgendwie phantastisch, denke ich und zünde mir eine Zigarette an.