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  • Paul Auer

Vom Frieden


Die Stimmung kippt ins Defätistische. Nach zwei Jahren der Pandemie, höre ich von allen Seiten, beginnt der nächste Wahnsinn, die nächste Bedrohung. Der Wahnsinn, die Bedrohung heißen Krieg.


Wir haben gelernt, dass körperliche Nähe gefährlich ist. Dass es gefährlich ist, uns unter Unseresgleichen zu bewegen. Dass es Sicherheit nur mehr in der Abgeschiedenheit gibt. Wenn wir unsere physische Verbundenheit mit der Welt kappen. Die Distanz zum Außen, zum Rundherum, haben wir verinnerlicht. Das Leben selbst wurde zur Innerei. Zur Vereinzelung. Unser Ich, ob wir wollten oder nicht, riesengroß. In den vergangenen beiden Jahren blieb uns nichts anderes übrig als Selbstbeschäftigung. Auseinandersetzung mit unseren Beziehungen, Freundschaften, Gewohnheiten, unserem Aussehen; unserem Status, unserer Beliebtheit, unserem Wert in einer sich digitalisierenden, von außen auf uns schauenden Welt. Wer sind wir, wer wären wir gern, wer waren wir, wer könnten wir sein - und sind wir nicht zusehends erschöpft von diesem Blick in den Spiegel, trotz Meditation, Yoga und Waldspaziergängen?

Nun ist diese hypertrophe Blase geplatzt. Die Wirklichkeit außerhalb meldet sich erbarmungslos zurück. Wir werden wachgerüttelt und sehen: Die Welt ist die selbe, wie vor der Pandemie. Sie ist immer noch zynische Kriegslogik und männliche Allmachtsphantasie. Sie ist Zerstörung, Vertreibung, Vergewaltigung. Sie ist Hass und sie ist Tod.


Die wenigsten von uns können effektiv etwas tun gegen diesen Krieg. Mehr, als sich in den sozialen Medien zu positionieren, Gefühle und Analysen in die Echokammern zu rufen. Wir können Leid lindern, indem wir spenden, den Flüchtenden helfen, immerhin. Das sollten wir auch.

Aber vor allem könnten und sollten wir für den Frieden in unserem tagtäglichen Agieren sorgen. Wir könnten und sollten aufhören, einander zu bekriegen. Die narzisstische Selbstgerechtigkeit, die mittlerweile unsere Diskurse grundiert, als das erkennen, was sie ist: das Ende des Dialogs und die Grundlage jeden Kriegs, eine erste, harmlos scheinende Form von Gewalt. Wir könnten selber tun, was wir von Politikern und Machthabern verlangen: miteinander reden, einander zuhören, die Irritation nicht als Anlass zur Verurteilung nehmen, dazu, sich dem Gegenüber zu verweigern. Ich rede keiner naiven Appeasement-Politik im Alltag das Wort. Feste Positionen, klare Grenzen sind wichtig, ebenso ein Streit. Aber nicht ohne eine Haltung, die sich grundsätzlich um Versöhnung bemüht, die um den Wert des Friedens ebenso weiß wie um seine Fragilität. Wir alle sollten ihn nicht erst beschwören und ersehnen, wenn Krieg ausgebrochen ist, sondern schon davor, immer, mit jedem Gedanken, jedem Wort, jeder Handlung.


Das ist eine Zumutung, beschwerlich, erfordert Toleranz und Empathie. Aber als Menschen, die wir gemeinsam vor mannigfaltigen Herausforderungen stehen, haben wir keine andere Wahl, keine andere Chance als diese: Frieden! Die Zeit des Neo-Biedermeiertums ist vorbei. Die Welt braucht uns, die Welt fordert uns.

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